Sternstunden

Während die Bahamas-Redaktion wohl noch mit dem Schneiden der Audioaufzeichnungen ihrer „Antideutschen Konferenz“ beschäftigt ist, um wenigstens das offensichtlich Verkehrte, Peinliche und/oder Strafbewährte zu tilgen, steht Gerhard Scheits Beitrag unter dem Titel „Das sogenannte Böse und der Jargon der Demokratie“ online, in dem er bspw. den US-amerikanischen Evangelen „Vernunft inmitten religiöser Unvernunft“ bei der Bekämpfung der „Mächte des Bösen“ bescheinigt. Dem Autor des „Leviathan“, an dem Scheit klebt, unterstellt er unterdessen nicht nur fälschlicherweise demokratische, ja liberale Bestrebungen, sondern auch frühsozialistische Einsichten:

„Thomas Hobbes hatte bekanntlich bereits für diese, in der Welt von Staat und Kapital unaufhebbare Irrationalität nach würdigen Metaphern gesucht und sie in den beiden biblischen Ungeheuern Leviathan und Behemoth auch gefunden. […] Hobbes kann nicht genug der paradoxesten Formulierungen prägen, um diese Unvernunft des Staats bei all seiner möglichen immanenten Vernünftigkeit zum Ausdruck zu bringen, so wie Marx zwei Jahrhunderte später vom »automatischen Subjekt« und vom »sich selbst verwertenden Wert« sprechen muß, um den realen Irrsinn des Kapitalverhältnisses bei all seiner inhärenten Logik zu fassen.“

Diese und weitere Fehler, „paradoxeste Formulierungen“, „würdige Metaphern“, „unaufhebbare Irrationalität“ und „realer Irrsinn“ hier.


4 Antworten auf „Sternstunden“


  1. Gravatar Icon 1 besserezeiten 27. Dezember 2005 um 14:22 Uhr

    tja, also … wo bleibt jetzt deine kritik daran?

  2. Gravatar Icon 2 Administrator 27. Dezember 2005 um 14:54 Uhr

    Na der Witz ist doch, dass Hobbes weder Demokrat noch Liberaler war, dass er auch kein Kritiker des Staates war, geschweige denn ein Kritiker irgendwelcher Zustände der „unaufhebbaren Irrationalität“ in der „Welt von Staat und Kapital“.

    Er war Staatsidealist – er wollte einfach nur einen anderen Staat, nämlich einen, der effektiver herrscht. Und wenn du ganz genau nachliest, wirst du feststellen, dass die Metapher vom „Volkskörper“ (analog: Konzept des „Volksstaats“) auf Hobbes zurück geht.

    Was macht Scheit? Er stellt Hobbes in eine ideengeschichtliche Linie, in der er nichts zu suchen hat, und will aus dem „Leviathan“ etwas Progressives rausziehen, was da gar nicht drin steht. Der Scheit-Text ist falsch als Ganzes – das ist meine Kritik.

  3. Gravatar Icon 3 qWert 30. Dezember 2005 um 20:03 Uhr

    Hobbes war insofern ein Liberaler, als er den Untertanen des Leviathan ein Internum, d.h. Glaubens- und Gewissensfreiheit zugestand und somit ein Innen und Außen, privat und öffentlich konstituierte. Für Carl Schmitt war das die Bruchstelle, die zum Tod des sterblichen Gottes führen musste, weil sich dadurch staatsfeindliche Kräfte im Innenraum des Staates formieren konnten.
    Dein entscheidender Fehler ist aber, dass Du denkst, Scheit bezöge sich auf Hobbes, weil dieser ein Staatskritiker gewesen sei. Das Progressive am Leviathan, das Du nicht zu erkennen vermagst, ist nun das besagte, unter dem Vorbehalt des öffentlichen Friedens stehende Internum der Untertanen, das die Arbeitsteiung zwischen repressiven und ideologischen Staatsapparat erst ermöglicht. Kurz: erst die Glaubens- und Gewissensfreiheit ermöglicht, dass politische Repression die Form von demokratischer Legitimation annehmen kann.

  4. Gravatar Icon 4 Administrator 31. Dezember 2005 um 16:42 Uhr

    Du hast recht, dass sich der politische Liberalismus auch auf Hobbes bezieht.

    Das macht auch den Modus bürgerlicher Freiheiten deutlich: die werden erst sämtlich einkassiert, um dann den Bürgern einzeln zugestanden zu werden. Daher dann der Irrglaube, der demokratische Staat schüfe erst diese Freiheiten, obwohl er sie ja zuvor sämtlich einschränkt und sich auch vorbehält, sie nach seinen Zwecken jeweils einzuschränken oder eben zu gewähren. Trotzdem wird das am demokratischen Staat abgefeiert: dass er „immerhin“ Freiheiten gewähre. Die Progression besteht damit aber nur für einen: den Staat, und zwar in der besagten Möglichkeit der Repression.

    Scheit geht es aber nicht vordergründig darum, sondern er macht eine ökonomische Überlegung auf, indem er behauptet, Hobbes habe die „unaufhebbare Irrationalität“ von Staat und Kapital nicht nur begriffen oder von ihr eine Ahnung gehabt, sondern er habe eben nach einer Beschreibung (oder zumindest einer Analogie oder „Metapher“ gesucht, was ja eine grobe Ahnung des Gegenstandes voraussetzt) dessen gesucht, und zwar bewusst. Dazu findet sich im „Leviathan“ aber kein einziger Hinweis.

    Das ist allerdings die einzige Möglichkeit für Scheit, überhaupt auf Hobbes zu rekurrieren: indem er sagt, er habe etwas formuliert, was in „emanzipatorischer Tradition“ steht. Das stimmt höchstens in dem Sinne, als dass die Bahamas den Liberalismus für „mit dem Kommunismus korrelierend“ betrachtet. Aber selbst da hakt es, weil die Argumentationen im „Leviathan“ mE nicht als liberal zu bezeichnen sind. Da gibt es andere, die viel eher als Klassiker des Liberalismus zu sehen sind und viel exemplarischer wären. Das ist dem Scheit aber auch wurscht – Hauptsache, man kann sich eklektizistisch an Zitaten bedienen, die das staffieren, was bereits feststeht: die Nicht-Kritik des Liberalismus.

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